Paulus und die Einheit der Kirche - Gedanken zum Studientag mit N.T. Wright

Das Institut für Ökumenische Studien der Universität Freiburg (Schweiz) führte letzte Woche in Zusammenarbeit mit der Theologischen Fakultät der Universität Bern eine Studienveranstaltung zur theologischen und gesellschaftlichen Erneuerung durch. Partner der Studientage, die im 2015 erneut stattfinden sollen, waren Institutionen wie der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK), die Ökumene-Komission der Schweizer Bischofskonferenz sowie die Schweizerische Evangelische Allianz. Dass diese Veranstaltung nicht nur landeskirchliche Kreise ansprechen sollte, wird noch deutlicher, wenn man einen Blick auf die erweiterte Liste der Partnerorganisationen und -Institute wirft. Das Institut für Gemeindebau und Weltmission (IGW), Jugend mit einer Mission (JmeM), das Martin Bucer Seminar Zürich sowie die freikirchlichen Theologischen Seminare Bienenberg und Chrischona waren ebenfalls mit dabei. Mit dem Professor für Neues Testament und ehemaligen anglikanischen Bischoff N.T. Wright boten die Organisatoren ohne Zweifel einen hochkarätigen Redner. Wright ist bekannt für seine bemerkenswerte Arbeit im Bereich der Paulus-Forschung und wohl besonders für seine Beiträge zur sogenannten Neuen Paulusperspektive. Währenddem Wright am Dienstag und Mittwoch Paulus und seine Theologie im geschichtlichen Kontext anschaute, standen am Donnerstag die Aussagen des Apostels über die Einheit der Kirche im Zentrum. Diese Zusammenfassung begrenzt sich ausschliesslich auf das Gesagte am Donnerstag.

Im ersten Vortrag beantwortete Wright die Frage warum Einheit für Paulus wichtig war. Dass dies überhaupt der Fall ist, machte der Anglikaner gleich von Anfang an klar. Für jede Stelle in der Paulus die Rechtfertigung behandelt, sagte Wright, gibt es sieben bis acht Stellen die etwas mit der Einheit der Kirche zu tun haben. Er fuhr fort und nannte drei Hauptgründe für Paulus' Anliegen. Erstens, die Einheit der Kirche bezeugt, dass es nur einen Gott gibt (Monotheismus). Paulus verstand die Kirche als Zeichen an die Welt, dass der Gott Israels der Schöpfer ist und dass es ausser ihm keinen anderen Gott gibt. Zweitens, für Paulus war die Einheit der Kirche wichtig wegen der Auserwählung. Es schien als hätte Wright diesen Punkt in den vorangehenden Studientagen bereits ausführlich behandelt, da er an dieser Stelle nicht mehr ins Detail ging. Der dritte Grund weshalb Paulus der Einheit ein solch hoher Stellenwert zukommen liess, war eschatologischer Natur. Die Einheit der Kirche bezeugt, dass Gott im Messias alle Dinge zusammenfassen wird.

Dass das Neue Testament die Wichtigkeit der Einheit unter Gläubigen lehrt, scheint, zumindest wenn man den Aussagen der Bibel gegenüber verpflichtet ist, keine Frage zu sein und ich bin im Wesentlichen mit Wrights Vortrag einverstanden. Wenn er davon sprach, dass Einheit den Wahren Gott bezeugen würde, wurde ich an Johannes 17:20-21 erinnert, wo Jesus für ebendiese Einheit betet, "damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast."

Die ganz grosse Frage war jetzt, wie man denn diese Einheit erreichen könnte. Meine Neugier - und wahrscheinlich auch diese vieler anderer Teilnehmer - wurde durch die Anwesenheit der verschiedenen kirchlichen Vertretern verstärkt. Der zweite Vortrag, mit dem Titel Der Weg zur Einheit: Messias und Geist, sollte denn auch diese Frage beantworten. Tatsächlich war der zweite Vortrag jedoch eher eine Beschreibung, was echte biblische Einheit beinhalten würde. So listete Wright sieben Bereiche auf, in welchen sich Einheit zeigen würde. Darunter waren gemeinsame Anbetung, gemeinsames Abendmahl sowie gemeinsame Finanzen. Es müsse beachtet werden, dass nicht alle Lehren zentral wären und es gewisse Dinge gibt, die sich "ausserhalb des Gesetzes" befinden, über die man sich gegenseitig Freiheit einräumen müsse. Zu diesen Adiaphora (der griechische Fachbegriff) zählt Paulus Speisegewohnheiten und Feiertage, nicht aber, betont Wright richtigerweise, sexualethische Fragen.

Doch genau hier liegt die Knacknuss: Welche Lehren sind zentral für den christlichen Glauben? Dieser Frage stellten kirchliche Leitungspersonen während einer Diskussion, welche Teil des Nachmittagsprogramms war. Mit dabei waren Kardinal Kurt Koch (Vertreter des Vatikans), Gottfried Locher (Präsident des SEK), Martin Bühlmann (Leiter Vineyard deutschsprachiges Europa) und N.T. Wright. Es schien, als waren alle damit einverstanden, dass Einheit angestrebt werden muss. Locher etwa kommentierte, dass nur eine vereinte Kirche wirkliche Kirche Jesu ist.

Abschliessend wurden die Teilnehmer gefragt, was denn vorausgesetzt werden muss, damit Einheit überhaupt möglich sein kann. Oder mit anderen Worten, welche Wahrheit kann nicht aufgegeben werden, ohne dass zuviel abgegeben würde? Locher nannte Solus Christus, also die Lehre, dass das Heil in Christus allein zu finden ist, als Massstab. Ausser ihm liess sich niemand darauf ein auf diese schwierige Frage eine eindeutige Antwort zu geben. Wright, zum Beispiel, nannte Solus Christus "essentiell," doch seine Wortwahl war wohl nicht ganz zufällig und er schien doch nicht ganz damit einverstanden zu sein, dass dies die einzig notwendige Lehre für Einheit sein soll. Weiter ist zu bezweifeln, dass Kardinal Koch, als Vertreter der römisch-katholischen Kirche, diesem Grundsatz aus der Reformation ohne Weiteres zustimmen würde. Um einen weiteren Schritt in Richtung kirchlicher Einheit zu gehen, luden die Organisatoren am Schluss zur Teilnahme an einem ökumenischen Gottesdienst ein, der am gleichen Abend in der Kathedrale in Freiburg stattfand.

Was ich bei der ganzen Diskussion um Einheit vermisst habe war ein klarer Bezug zum Evangelium. Echte biblische Einheit kann nur dort geschehen, wo Geschwister im Glauben zusammenkommen. Die Reformation sowie die darauf folgende Gegenreformation haben gezeigt, dass die Heilslehre der römisch-katholischen Kirche nicht mit der der Reformatoren zu vereinbaren ist. Das Verständnis darüber was die wahre Kirche ist und wer dazu gehört, könnte unterschiedlicher fast nicht sein. Das Konzil von Trient, welches für Rom mindestens soviel Autorität hat, wie die Bibel selbst, hat über jeden, der an der reformatorischen Rechtfertigungslehre festhält, den Fluch ausgesprochen. Wenn sich also jetzt die zwei Kirchen wieder näher kommen ist klar, wer hier seine Position aufgegeben hat.

Doch bedeutet biblische Einheit wirklich Einheit unter den Kirchen? Die Bibel macht klar, dass es nur eine Kirche Jesu Christi gibt, der Leib aller Gläubigen aller Zeiten. Gleichzeitig sind Gläubige aufgefordert diese Einheit in lokalen Gemeinschaften auszuleben. Dass dies oft schwierig ist, ist jedoch nicht in erster Linie das Problem unterschiedlicher Lehren. Vielmehr ist es unser Stolz und unser Egoismus - kurz unsere Sünde - die uns dazu treibt uns wegen Kleinigkeiten und unterschiedlichen Vorlieben zu spalten. Was biblische Einheit schafft ist somit nicht das Verlassen der Wahrheit und das Tolerieren von Unwahrheiten, sondern die Wahrheit selbst, angefangen mit dem Evangelium. Was die Gemeinde heute braucht ist nicht ein Aufruf zur Einheit sondern ein Aufruf das biblische Evangelium zu verstehen, zu verkündigen und - vor allem - zu verteidigen.